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Ashwagandha: Warum More Nutrition und Pamela Reif in der Kritik stehen

Nov 03, 2026  Twila Rosenbaum 6 views
Ashwagandha: Warum More Nutrition und Pamela Reif in der Kritik stehen

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Foodwatch hat die Anbieter ESN, More Nutrition und Naturally You abgemahnt.
  • Naturally You ist die Marke der Fitness-Influencerin Pamela Reif.
  • Betroffen sind die Produkte Ashwa+ von ESN, Mental Balance von Naturally You und Ashwagandha Sticks von More Nutrition.
  • Die Organisation kritisiert unzulässige Gesundheitsversprechen sowie fehlende oder schwer auffindbare Warnhinweise.
  • Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt seit September 2024 vor möglichen Nebenwirkungen und rät insbesondere Risikogruppen von der Einnahme ab.
  • Ashwagandha-Präparate gelten in Deutschland als Lebensmittel, werden nicht einzeln geprüft und haben keine verbindlichen Höchstmengen.
  • Dänemark hat den Verkauf in Lebensmitteln verboten, Polen hat Höchstmengen und Warnhinweise eingeführt, die Niederlande raten vom Verzehr ab.

Foodwatch mahnt drei bekannte Anbieter ab

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat drei bekannte Anbieter von Ashwagandha-Präparaten abgemahnt: ESN, More Nutrition und Naturally You. Naturally You ist die Marke der Fitness-Influencerin Pamela Reif. Im Mittelpunkt stehen die Produkte Ashwa+ von ESN, Mental Balance von Naturally You und die Ashwagandha Sticks von More Nutrition. Die Organisation wirft den Unternehmen vor, mit unzulässigen Gesundheitsversprechen zu werben und Verbraucher nicht ausreichend über mögliche Risiken zu informieren. Aus Sicht von Foodwatch verstoßen die Anbieter damit gegen europäisches Recht.

Foodwatch sieht in dem Fall ein grundsätzliches Problem auf dem deutschen Nahrungsergänzungsmittelmarkt. Die Organisation kritisiert, dass Ashwagandha beispielhaft für ein Regulierungsversagen stehe. Während die Produkte als Nahrungsergänzungsmittel frei verkauft werden dürfen, fehlt es nach Ansicht der Verbraucherschützer an klaren Vorgaben für Dosierung, Warnhinweise und die Prüfung von Gesundheitsaussagen. Hersteller könnten Wirkungen bewerben, obwohl die wissenschaftliche Bewertung auf EU-Ebene nicht abgeschlossen sei.

Konkret bemängelt Foodwatch die Platzierung von Warnhinweisen. Bei ESN seien Hinweise für Schwangere, Stillende, Kinder und Menschen mit Lebererkrankungen erst in Blogbeiträgen auf der Internetseite zu finden gewesen. Bei Naturally You stehe ein entsprechender Hinweis lediglich weit unten auf der Produktseite. Bei More Nutrition finde sich die Warnung erst in den Verzehrempfehlungen. Das sei zu versteckt, lautet der Vorwurf. Verbraucher müssten vor dem Kauf und vor der Einnahme klar erkennen können, für wen ein Produkt nicht geeignet ist und welche Risiken bestehen.

Die beworbenen Versprechen sind unterschiedlich. ESN bewirbt sein Produkt für die Regeneration nach intensiven Trainingseinheiten, zur Unterstützung bei Stress und für besseren Schlaf. Naturally You verspricht mehr innere Stabilität und emotionale Balance. Pamela Reif empfiehlt es in Beiträgen in sozialen Netzwerken unter anderem bei Stress, innerer Unruhe und mentaler Belastung. More Nutrition stellt seine Ashwagandha Sticks als Unterstützung gegen alltäglichen Stress und Grübeln dar. Foodwatch hält diese Aussagen für problematisch, weil sie den Eindruck erwecken, ein Nahrungsergänzungsmittel könne gezielt Stress reduzieren oder die psychische Balance verbessern.

Was ist Ashwagandha?

Ashwagandha heißt wissenschaftlich Withania somnifera und ist im Deutschen auch als Schlafbeere, indischer Ginseng oder Winterkirsche bekannt. Die Pflanze wächst in trockenen Gebieten der tropischen und subtropischen Zone, vor allem in Indien. Ihre Wurzeln und Blätter werden seit mehr als 3000 Jahren in der traditionellen indischen Medizin verwendet. Dort kamen sie unter anderem bei Bronchitis, Magen-Darm-Beschwerden oder Impotenz zum Einsatz. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist darauf hin, dass die Pflanze historisch auch als Abtreibungsmittel eingesetzt wurde.

Die wichtigsten Wirkstoffe sind Withanolide und Alkaloide. Die Wurzel enthält rund 1,3 Prozent Withanolide, in den Blättern ist die Konzentration deutlich höher. Zusätzlich stecken in den Wurzeln natürliche Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Stärke und Zucker. In vielen westlichen Ländern ist Ashwagandha vor allem als Kapsel, Pulver oder Tropfen erhältlich, häufig angereichert mit Vitaminen. Besonders bekannt ist das Vollspektrum-Wurzelextrakt KSM-66, das von einem indischen Hersteller produziert wird und in zahlreichen Präparaten steckt.

Warum das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt

Bereits im September 2024 warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung vor möglichen gesundheitlichen Folgen. Besonders Kinder, Schwangere, Stillende sowie Menschen mit bestehenden oder früheren Lebererkrankungen sollten auf Ashwagandha-Präparate verzichten. Doch auch für gesunde Menschen empfiehlt das Institut keinen Verzehr. Die zurückhaltende Bewertung hat einen Grund: Die Datenlage zu Nebenwirkungen ist begrenzt, zugleich häufen sich Berichte über unerwünschte Effekte.

Zu den beobachteten oder berichteten Beschwerden gehören Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit, Schläfrigkeit und Hautausschläge. Außerdem werden mögliche Veränderungen des Hormonhaushalts und Hinweise auf Leberschäden genannt. Internationale Gesundheitsbehörden und Kliniken berichten über Leberschäden und akutes Leberversagen, die womöglich auf die Einnahme von Ashwagandha zurückzuführen sind. Diskutiert wird auch, dass Ashwagandha das Immunsystem, das Hormonsystem, den Cortisol- und Blutzuckerspiegel, das Nervensystem sowie die Schilddrüsen- und Sexualhormone beeinflussen könnte.

Für Verbraucher ist die Lage schwer zu bewerten. Einerseits ist Ashwagandha in Deutschland frei erhältlich und wird in Drogerien, Supermärkten und Online-Shops verkauft. Andererseits gibt es keine verbindlichen Höchstmengen und keine einzelne Prüfung jedes Produkts vor dem Verkauf. Hersteller sind selbst für die Sicherheit verantwortlich und müssen ihre Produkte lediglich anzeigen. Das bedeutet: Die Verantwortung wird stark auf die Hersteller und auf die Verbraucher verlagert.

Was Studien zu Stress, Schlaf und Risiken sagen

Den Warnungen stehen positive Studiendaten gegenüber. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 kam zu dem Ergebnis, dass Ashwagandha Stress- und Angstsymptome reduzieren und den Cortisolspiegel senken kann. Die allgemeine Lebensqualität verbesserte sich dadurch allerdings nicht messbar. Auch beim Schlaf gibt es Hinweise auf positive Effekte: Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 zeigte eine leichte Verbesserung der Schlafqualität, vor allem bei Menschen mit Schlafstörungen und einer Einnahme von mindestens acht Wochen. Daten zu potenziell schweren Nebenwirkungen fehlen in dieser Analyse jedoch weitgehend.

Eine im August 2026 veröffentlichte Studie aus Indien untersuchte 1.200 gesunde Erwachsene zwischen 18 und 70 Jahren. Die Hälfte erhielt über 24 Wochen täglich einen Wurzelextrakt, die andere Hälfte ein Placebo. Hinweise auf behandlungsbedingte Leber- oder Nierenschäden fanden die Forschenden nicht. Allerdings wurden ausschließlich gesunde Menschen untersucht. Da die Untersuchung vom indischen Ayush-Ministerium gefördert wurde und Indien der Hauptproduzent der Pflanze ist, lässt sich ein möglicher Interessenkonflikt nicht ausschließen.

Die Studienlage bleibt damit zwiespältig. Es gibt Hinweise auf eine stresslindernde Wirkung, aber keine ausreichende Sicherheit für alle Bevölkerungsgruppen. Vor allem fehlen Langzeitdaten und systematische Untersuchungen zu Menschen mit Vorerkrankungen. Für Verbraucher bedeutet das: Die Bewerbung mit Gesundheitsversprechen steht in einem Spannungsverhältnis zu den offenen Sicherheitsfragen.

Wie Deutschland und andere EU-Länder regulieren

In Deutschland ist der Verkauf von Ashwagandha erlaubt. Die Präparate gelten als Lebensmittel und nicht als Medikamente. Sie werden vor dem Verkauf nicht einzeln geprüft. Hersteller sind selbst für die Produktsicherheit verantwortlich und müssen sie beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit anzeigen. Verbindliche Höchstmengen für die Inhaltsstoffe fehlen bislang. Andere EU-Länder sind strenger: Dänemark hat den Verkauf von Ashwagandha in Lebensmitteln verboten. Grundlage ist eine Einschätzung der Technischen Universität Dänemark, die mögliche Risiken für den Stoffwechsel, das Immunsystem, das zentrale Nervensystem, Fehlgeburten sowie Impotenz sieht.

Polen hat dagegen verbindliche Höchstmengen eingeführt. Dort dürfen Nahrungsergänzungsmittel maximal drei Gramm Ashwagandha-Wurzelpulver beziehungsweise zehn Milligramm Withanolide enthalten. Zusätzlich sind Warnhinweise Pflicht. Die Niederlande warnen ebenfalls vor dem Pflanzenstoff. Das staatliche Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt veröffentlichte im März 2024 eine Einschätzung und riet vom Verzehr entsprechender Präparate ab. Gesundheitliche Probleme könnten auch auftreten, wenn sich Verbraucher an die Dosierungsangaben auf der Verpackung halten.

Die unterschiedlichen Regeln innerhalb der EU sorgen für ein Ungleichgewicht. Ein Produkt, das in Deutschland frei verkauft werden darf, kann in Dänemark verboten sein. Für Hersteller ist das schwer nachvollziehbar, für Verbraucher erst recht. Foodwatch fordert deshalb klarere Vorgaben. Der Fall Ashwagandha zeigt, wie schwierig die Abgrenzung zwischen Lebensmittel, Arzneimittel und Werbung ist, wenn eine Pflanze mit gesundheitlichen Versprechen vermarktet wird.

Wie die Unternehmen reagieren

Die The Quality Group, Mutterkonzern von More Nutrition und ESN, wies die Kritik zurück. Produktchef Nicolas Lother erklärte, die Stellungnahme liege Foodwatch seit über sechs Wochen vor. Die Organisation habe die Abmahnung bislang nicht weiterverfolgt. Beide Marken verwenden das Ashwagandha-Extrakt KSM-66. Dessen stresslindernde Wirkung sei auch durch eine Entscheidung des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts von Anfang Juli 2026 wissenschaftlich ausreichend belegt. KSM-66 sei seit 15 Jahren am Markt und zähle zu den am besten untersuchten Ashwagandha-Extrakten weltweit.

Foodwatch teilte auf Anfrage mit, dass das Urteil des Oberlandesgerichts nur ein Produkt betreffe. Der Großteil der kritisierten Werbeaussagen sei ebenfalls verboten. Zu Warnhinweisen habe das Gericht gar nichts entschieden. Lother betonte zugleich, jede Aussage auf den Verpackungen werde vor der Veröffentlichung von Medizinern und Lebensmittelchemikern geprüft. Für den verwendeten Extrakt lägen zahlreiche veröffentlichte Sicherheitsstudien nach dem Goldstandard vor. Alle vorgeschriebenen Hinweise stünden auf der Verpackung und auf der Produktseite, dort, wo Kunden kaufen und das Produkt verwenden.

More-Gründer Christian Wolf äußerte sich in einem Video zur Abmahnung allerdings zurückhaltender. Er sagte, er würde selbst keine Werbung für das Pflanzenmittel machen, da die Wirkung noch nicht eindeutig nachgewiesen sei. Das Unternehmen ging auf diese Aussage in der Stellungnahme nicht konkret ein. Es verwies erneut auf die Studienlage zu KSM-66 und auf die Entscheidung des Oberlandesgerichts Schleswig. Naturally You reagierte bisher nicht auf Anfragen. Eine Stellungnahme von Pamela Reif zu den Vorwürfen liegt bislang nicht vor. Der umstrittene Werbepost ist inzwischen nicht mehr online.


Source:Morgenpost News


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